The quarrel about caricatures helps the Hamas
Stern, 09.02.06
Der Konflikt um die Mohammed-Karikaturen heizt die Stimmung im Nahen Osten an. stern.de sprach mit Heike Kratt, Leiterin des Willy-Brandt-Zentrums in Jerusalem, über die Karikaturen, den Wahlsieg der Hamas und die besondere Rolle der Deutschen als Vermittler.
Frau Kratt, welche Rolle spielen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen
für die Palästinenser im Westjordanland und dem Gaza-Streifen?
In den besetzen Gebieten sind die Karikaturen schon ein großes Thema. In
Gaza haben 50.000 Menschen gegen die Karikaturen demonstriert und selbst im
relativ kleinen Bethlehem kamen knapp tausend Menschen zusammen. Die
Demonstrationen spielen der Hamas in die Hände und sind eine gute
Gelegenheit nach dem Wahlsieg ihre Popularität und Mobilisierungkraft zu
zeigen. In Jerusalem merkt man dagegen nichts von den Protesten. Es ist
nicht so, dass man als Europäer nun auf der Straße angefeindet wird. Die
Leute sind freundlich wie immer.
Ist der Konflikt von der Hamas inszeniert?
Das lässt sich nicht sagen. Dass der Konflikt so hochgekommen ist, ist der
Hamas aber keinesfalls unangenehm. Sie kann die Leute auf die Straße holen
und zugleich davon ablenken, dass man noch nicht genau weiß, wie man mit
der neu gewonnenen Regierungsverantwortung umgehen soll.
Wie waren die palästinensischen Reaktionen auf den Wahlsieg der
Hamas?
Mit dem Sieg der Hamas hat niemand gerechnet, nicht einmal die
Hamas-Anhänger selbst. Es war klar, dass die Hamas eine starke Opposition
werden würde und darauf hatte sie sich auch selbst eingerichtet. Nach dem
Sieg der Hamas waren die Anhänger, aber auch Politiker der Fatah am Boden
zerstört und ziemlich ratlos. Das hat sich inzwischen geändert: Nun sehen
vor allem die jüngeren Anhänger der Fatah den Zeitpunkt gekommen für
eine Demokratisierung und Reform der Partei. Insofern ist die Stimmung bei
der Fatah eher motiviert und positiv.
Wird die Fatah mit Hamas zusammenarbeiten oder eher in die Opposition
gehen?
Welche Rolle die Fatah spielen wird, ist etwas spekulativ. Es scheint aber
die Meinung vorzuherrschen, die Hamas mit der Regierungsverantwortung erst
einmal allein zu lassen. Einige in der Fatah scheinen zu hoffen, dass Hamas
die Wahlversprechen an die Bevölkerung nicht wird halten können und es
bald zu Protesten und Neuwahlen kommt. Die Fatah ist im Parlament aber
immer noch stark vertreten und stellt den mit vielen Befugnissen
usgestatteten Präsidenten Mahmud Abbas. Insofern wird es de facto zu
einer
Kommt es nun zu einer Islamisierung der palästinensischen
Gesellschaft?
Diese Angst einer Islamisierung herrscht vor allem bei der christlichen
palästinensischen Minderheit vor.
Was für einen Stellenwert haben die europäischen - und speziell die
deutschen - Initiativen im Nahost-Konflikt?
Auf israelischer Seite herrscht schon länger eine große Skepsis
gegenüber den Europäern, weil Europa auch in den Medien als
pro-palästinensisch gilt. Die politische Hauptrolle wird auf der Seite der
USA gesehen, die wiederum bei den Palästinensern als klar pro-israelisch
gelten. Deutschland spielt eine Sonderrolle, weil es von beiden Seiten als
zuverlässiger Partner wahrgenommen wird. Grundsätzlich wird aber keine
Initiative von außen allein den Nahost-Konflikt lösen können eine
Lösung muss aus den beiden Gesellschaften selbst kommen und von ihnen
getragen werden. Was machbar ist - und was wir im Willy-Brandt-Zentrum auch
versuchen - ist, dass Israelis und Palästinenser sich an einen Tisch
setzen und gemeinsam überlegen, was zu tun ist. Das würden sie ohne die
Vermittlung der deutschen Seite nicht machen. Solche Initiativen sind jetzt
wichtiger denn je.
Halten Sie den Dialog mit Hamas-Anhängern für sinnvoll?
Ich persönlich denke, dass es auf jeden Fall falsch wäre, wenn Europa
sich aus der Konfliktlösung total zurückzöge. Es würde bei den
Palästinensern als heuchlerisch wahrgenommen werden, wenn die Europäer
erst von Demokratisierung sprechen, aber sich nach der Wahl zurückziehen,
weil ihnen das Ergebnis nicht passt. Das Vertrauen in „den Westen“ ist
derzeit eh nicht besonders ausgeprägt, ein Rückzug könnte es sehr schwer
beschädigen. Im Bereich unserer Arbeit sollte man meiner Meinung nach
stärker darüber nachdenken, mit welchen Hamas-Wählern es Sinn macht zu
reden. Es gibt viele junge Leute, die nicht dem Klischee von Fanatikern und
Extremisten entsprechen, aber dennoch Hamas gewählt haben. Sie hatten
genug von der Korruption und der Heuchlerei einiger der Vertreter der
bisherigen Regierungspartei Fatah und wollten eine Veränderung. Mit diesen
Leuten macht es Sinn zu reden und sie in einen Dialog einzubinden.
Das Interview führte Thomas Krause
Source:
www.stern.de/politik/ausland/:Nahost-Karikaturenstreit-Hamas/555338.html)









